Forschungsreise „Virtual Facilitating“: Wie schaffen wir neue Arten der Zusammenarbeit – auch oder gerade virtuell?

Im Juni luden meine Kollegin Michaela Bacher und ich zu einer gemeinsamen ergebnisoffenen Forschungsreise zum Arbeiten im virtuellen Raum ein. Grund war unsere gemeinsame Annahme, dass technische Tools, die die Effizienz des virtuellen Arbeitsalltags verbessern sollten, nur begrenzt die Qualität unserer Zusammenarbeit verbessern können. Wir beobachteten ganz andere Dynamiken und Probleme: Menschen brummt der Schädel vor dem Bildschirm, Überdosis an virtuellen Meetings, Zynismus, die allgegenwärtige Zeitknappheit, Effizienzgetriebenheit, Gehetztheit, Verlust an „tiefen“ Gesprächen und „echten“ Kontakten und vor allem: Meetings laufen weit unter ihrem Potenzial ab. Wir nahmen an, dass die Technik in den meisten Fällen nicht das Problem ist. Sie muss natürlich funktionieren. Doch noch ein Tool mehr oder weniger würde nicht den großen Unterschied machen. Auch „Digital Detox Kuren“ sind natürlich angebracht, doch noch wichtiger mag vielleicht die Art der digitalen Nutzung sein. Detox ist die „Entgiftung“, für die man sich vorher zuerst einmal vergiften muss. 

Diese virtuelle Reise widmeten wir der Erforschung „ungiftiger“ digitaler Begegnungen. Wie können wir digitale Zusammenkünfte so organisieren, dass sie uns beflügeln, nähren und (gerne auch) effektiv (wirkungsvoll) werden lassen? In welchem Zustand hören wir eigentlich einander zu? Wie können wir uns in Zustände bringen, die uns auch den vollen Zugriff auf unsere Ressourcen und auf unsere Kreativität erlauben? Wie sind wir gut mit uns und den anderen in Kontakt? Wir können wir in der virtuellen Gruppe so zusammen arbeiten, dass wir uns wirklich miteinander verbunden fühlen, vertrauen können und uns unsere Arbeit gesund anstatt kaputt macht? Was ändert sich für uns, wenn wir unsere anderen Intelligenzen (emotionale, Herz- und Körper-) bewusster einfließen lassen? Und letztendlich wieder die Frage: Wie produzieren wir nicht immer mehr vom Gleichen, sondern schaffen uns einen Zugang zu wirklich neuen Arten der Zusammenarbeit und Ergebnissen?

Wir wollten mit anderen Menschen in den Austausch gehen, um unsere Gedanken und Annahmen zu prüfen, neue Erlebnisse und Erfahrungen zu machen und uns auch gerne überraschen zu lassen.

Wir schufen den Rahmen mit Methoden aus dem Generative Facilitating, dem U-Prozess (Theory U) und verschiedenen Achtsamkeits- und Coachingmethoden. Die Liste der freiwilligen und vor allem neugierigen TeilnehmerInnen füllte sich schnell. Gemeinsam war uns, dass wir gerne Menschen und Organisationen in ihr Potenzial begleiten. Wir hatten alle bereits erkannt, dass es für unsere Arbeit wesentlich ist gut in Kontakt mit uns selbst und unseren KollegInnen und KlientInnen zu sein. Im virtuellen Rahmen sind dafür die Rahmenbedingungen anders als analog. Gibt es Wege virtuell anders/ gesünder/ nachhaltiger zu arbeiten?

Wir trafen uns mit einem mehrwöchigen Abstand abends 3-mal für 1,5 Stunden in einem Zoom-Raum. Die Zusammensetzung der Gruppe war ideal. Circa die Hälfte der Gruppe ist fest angestellt in Unternehmen und sieht sich vor der Herausforderung, neue Herangehensweisen für die Flut an virtuellen Treffen im Unternehmen zu finden, Teams virtuell aufzubauen und zu pflegen und dabei auf die eigene mentale und körperliche Gesundheit zu achten. Die andere Hälfte der Gruppe ist selbstständig und versucht anschlussfähige Facilitation-Angebote für Unternehmen zu entwerfen, die genau dort ansetzen.

Ablauf der drei Sitzungen

Erste Sitzung: Erkunden unserer inneren Qualitäten des Zuhörens.

„Du selbst bist das wichtigste Facilitation Tool, das Du hast“, das sagte Christine Wank vom Generative Facilitation Institute. Die erste Etappe unserer gemeinsamen Reise widmeten wir uns den 3 C’s Curiosity, Compassion und Courage, die ich bereits in einem anderen Artikel beschrieben habe. Wir begleiteten die Gruppe in das Erleben ihrer inneren Qualitäten des Zuhörens. So, wie wir einzelne Muskeln im Fitnessstudio trainieren, können wir hier unsere einzelnen inneren Instrumente des Zuhörens einstimmen. Für die meisten Menschen ist diese Erfahrung voller Erkenntnisse. Wir hören hier ganz bewusst mit nur einer Qualität zu:

  • neugierig mit dem Verstand und wirklich offen für neue Inhalte,
  • mitfühlend mit dem Herz und wirklich verbunden mit dem Gesprächspartner,
  • entschlossen und mutig und wirklich bereit neue Wege einzuschlagen.

Eingebettet in eine Achtsamkeitsübung am Anfang, einen gebührenden Check- in und Check-out, waren so die 90 Minuten dicht und erkenntnisreich.

Zweite Sitzung: Erkunden des kreativen Dialogs.

Die zweite Sitzung widmeten wir uns dem kreativen Dialog angelehnt an die Theorien von David Bohm. Bemerkenswert ist hier unser „Spielen“ mit Stille, Entschleunigung, nach innen und außen gerichtete Achtsamkeit, gezielt gesetzten Pausen. Ein Impulstext aus dem Roman „Momo“ von Michael Ende regte die TeilnehmerInnen dazu an, über ihre eigenen Erfahrungen mit dem gegenseitigen Zuhören, Begegnen und mit Möglichkeitsräumen zu reflektieren.

… und der Betreffende fühlte, wie in ihm plötzlich Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Momo konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden…

Die entstandene Tiefe im (virtuellen) Raum beeindruckte uns und wirkte über die Sitzung hinaus. Auch dieser Dialog war eingebettet mit einem begleiteten Ankommen, Check-in und Check-out.

Dritte Sitzung: Erkunden unserer inneren Zustände und deren Wirkkraft.

In der dritten Sitzung „spielten“ wir mit unseren inneren Zuständen. Diese machen im täglichen Arbeitsalltag wahrscheinlich den größten Unterschied für die Ergebnisse unserer Arbeit. In einem vorherigen Artikel schrieb ich bereits über den CRASH- und den COACH-State. Nach dem achtsamen Ankommen und einem gebührenden Check-in begleitete ich die TeilnehmerInnen in ihren inneren Zustand der Zentrierung, Offenheit, Achtsamkeit, Verbundenheit und einem Halten dessen, was ist. Dieser COACH-State ist für uns alle Menschen die Basis eines wirkungsvollen, kreativen und ressourcenvollen Wirkens. Diese Basis kann mit einer klaren Ausrichtung – dem Setzen einer Intention – wirkungsvoll genutzt werden. In der Übung durften die TeilnehmerInnen weiter über ihren COACH-State hinaus gehen, ihren „Generative State“ erleben und auf mehreren Ebenen (verbal, visuell, körperlich) erkunden. Wir lernten uns innerlich differenzierter wahrzunehmen und mit den Zugängen zu unseren inneren Zuständen zu „spielen“. Die Erfahrung, dass wir unsere inneren Zustände bewusst beeinflussen können, macht einen Riesenunterschied für unsere Arbeit – als einzelner und erst recht in der Gruppe. Auch die besten technischen Tools können nur so gut genutzt werden, wie die innere Verfassung der „BedienerInnen“ ist: Innerlich angespannt, reaktiv, abgetrennt, zynisch, gehetzt und in der „Analysis Paralysis“ (CRASH) oder zentriert, offen, verbunden, ausgerichtet auf ein gemeinsames Ziel (COACH, generativ)? In einer Übung hörte ich ein dankbares Feedback: eigentlich sollte dieses Grundwissen bereits in die Grundschulen, das würde alles verändern…

Fazit

Gemeinsam war den drei Sessions das Feedback, dass die TeilnehmerInnen sich jeweils nach den 90 Minuten ganz anders gefühlt haben als davor. Ihr Zustand war „offener“, „zuversichtlicher“, „kreativer“ und irgendwie „verspielter“. Natürlich schaffen wir in diesem Zustand ganz andere Dinge als gehetzt und angespannt! Schön, dass in kurzer Zeit ein großer Unterschied gemacht werden kann. Wie schön wäre es, diese Erkenntnis in den täglichen Arbeitsalltag aktiver einzubinden?

Wir sind alle Menschen. Wir haben alle unsere inneren Verfassungen, wir können uns verbinden, können unsere inneren Qualitäten des Zuhörens trainieren, uns ausrichten und unsere Wirkung nach außen positiv beeinflussen. Als sozial angelegte Menschen möchten wir uns gerne mit den anderen verbinden und können unsere Potenziale vor allem dann ausschöpfen, wenn wir uns in Räumen des Vertrauens und der Sicherheit befinden. Mit einem minimalen Zeitaufwand von 1,5 Stunden haben wir für uns in einem sonst doch sehr getriebenen Alltag einen Unterschied gemacht.

Nun laden wir herzlich zu einer Wiederholung dieser Reise ein. Sehr gerne bringen wir unsere Erfahrungen in weiteren Organisationen ein und bauen daraus einen „Virtual Listening Walk“ für Kleingruppen zum Integrieren in den Arbeitsalltag. Wir sind weiter dankbar für Rückmeldungen über den Unterschied, den diese Art des virtuellen Arbeitens macht.

DANKE an alle TeilnehmerInnen für Euer Vertrauen, Eure Neugierde und Experimentierfreude!

Mehr zum Thema:

Kulturschaffung in virtuellen Räumen – Wie bleiben wir nicht nur technisch, sondern auch menschlich miteinander verbunden?

Interesse an der Forschungsreise „Virtual Facilitating“ bzw. einem Angebot „Virtual Listening Walk“? Dann gerne Kontakt aufnehmen und Termine vereinbaren.

1 Gedanken zu “Forschungsreise „Virtual Facilitating“: Wie schaffen wir neue Arten der Zusammenarbeit – auch oder gerade virtuell?

  1. Theresia

    Meine Erfahrung als Teilnehmerin aller drei Sessions: Eine wirklich gute Möglichkeit, aus der digitalen Isolation zu treten und neue Kraft und Kreativität zu wecken. Danke den Moderatorinnen (Tanja, Michaela). Die beiden haben einen Raum geschaffen, in dem fremde oder einander nur wenig bekannte Menschen einander begegnen und miteinander an Fragen arbeiten konnten. Nach einem langen Tag voller online Meetings waren diese Treffen erfrischend, Energie spendend, echte Begegnung, boten neue persönliche Erkenntnisse und echte Verbindung zu beinahe wildfremden Menschen. Danke auch an die „Mitreisenden“, die sich auf die Experimente einließen.

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