Erkennen und benennen – wie wir Rumpelstilzchen in unseren Meetings entmachten. Warum Innere Arbeit am Arbeitsplatz so wertvoll ist.

„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Rumpelstilzchen zu benennen würde die Wirkung von unbewusst wirkendem Zynismus, passiver Aggressivität, Ungeduld, Arroganz oder Angst aus unseren Meetings heraus nehmen. Und selbstverständlich: jeder darf auch mal schlecht drauf sein. Den Unterschied macht der individuelle und kollektive Umgang mit inneren Zuständen. Benannt oder zumindest erkannt können sämtliche Zustände die Kommunikation, Prozesse und den Verlauf von Meetings positiv beeinflussen.

In diesem Beitrag schreibe ich über die Differenzierung zwischen der „Inneren Haltung“ und dem „Inneren Zustand“, die für mich einen großen Unterschied macht.

Denn selbst wenn ich meine Haltung mit Aufrichtigkeit, Offenheit, Neugierde, Mit- und Selbstverantwortung beschreiben würde und ich voller Freude in der agilen Welt mit gestalte, habe ich es manchmal einfach ***ing eilig und bin total genervt oder sauer oder oder… Was dann?

Da ist noch etwas Akuteres, das auch bei einer optimal geeigneten Haltung im Moment einer Entscheidung oder Begegnung gute Absichten mal kurz obsolet macht und sogar einen Projekterfolg nachhaltig zerschießen kann.

Als Erfolgsfaktor in der digital-agilen Arbeitswelt ist die „Haltung“ aller Mitgestaltenden mittlerweile gut beschrieben. Dabei ist die Arbeit mit dem inneren Zustand aus meiner Sicht ergänzend sehr notwendig und relativ einfach in den Arbeitsalltag integrierbar. Ich kann Potenziale von Begegnungen und Prozessen mit der inneren Arbeit über die Haltung hinaus deutlich besser ausschöpfen.

Innere Haltung

Haltung ist meine Einstellung zum (Arbeits-)Leben. Sie ist meine Intention, sie gibt mir Struktur und Orientierung bei schnellen Entscheidungen. Ich kann mich an ihr ausrichten: ich kann mir vornehmen aufrichtig und offen fürs Gesagte zu sein, richtig zuzuhören. Haltung hat etwas Konstantes. So kann sie uns im Arbeitsleben verbinden und gemeinsam stark machen.

Haltung gibt Halt. Mit einer klaren Haltung fallen uns Entscheidungen leichter. Vor allem in unsicheren Zeiten orientieren wir uns gerne an Menschen mit einer klaren Haltung. Hier wissen wir, wo wir dran sind. Das gibt Beziehungssicherheit und Ausrichtung.

Innerer Zustand/ Inner State

Während es für die Haltung nicht wirklich einen guten englischen Begriff gibt (mindset und attitude wären zwei Annäherungen), gibt es für den „Inner State“ nicht wirklich eine schöne deutsche Übersetzung. Innere Verfasstheit, Verfassung oder der innere Zustand sind deutsche Annäherungen. Die Inner States wechseln gewöhnlich mehrmals am Tag und glücklicherweise können wir uns mit etwas Übung  darin verbessern sie immer bewusster zu beeinflussen. Im Grunde gibt jeder Moment aufs Neue eine Chance zum Wechseln des Inner States.

Mein aktueller Zustand/ Inner State bezieht sich aufs Hier und Jetzt. Er bestimmt, welchen Zugang ich hier und jetzt zu meinen eigenen Ressourcen habe, wie ich denke und fühle und mit dem umgehe, was sich mir gerade in diesem Moment zeigt. So kann ich trotz passender Haltung durchaus auch die ein oder anderen Entscheidungen und Begegnungen weit unter ihrem Potenzial lassen. Andersherum kann ich in vordergründig bescheidenen Ausgangssituationen scheinbar magisch gute Ergebnisse „herbeizaubern“. Meine Realität ist wesentlich abhängig von meinem inneren Zustand. So sehe ich die Macht des inneren Zustands im Moment der Entscheidung/ Begegnung/ Aktion stärker als die meiner konstanter anmutenden Haltung.

Der „Inner State“ ist ebenso wie die Haltung ein Hebel, um an Veränderungen im alltäglichen Projektgeschäft zu arbeiten. Wenn dieser zu gegebenen Zeiten im Arbeitsalltag bei den meisten Mitarbeitenden ungünstig strukturiert ist, dann kann kaum etwas Neues entstehen. Mitarbeitende sind im „Sense of Urgency“ nicht fähig auf Veränderungen einzugehen, kreativ zu sein oder Neues in die Welt zu bringen. Und das, obwohl sie eine agil-perfekte Arbeitshaltung haben.

Robert Dilts unterscheidet zwischen zwei „Inner States“

COACH-State

C für Centered: zentriert, entspannt konzentriert
O für Open: offen, neugierig, mitfühlend
A für Aware: aufmerksam, gewahr, mit dem was ist
C für Connected: verbunden
H für Holding: haltend, anerkennend, akzeptierend, willkommen heißend

CRASH-State

C für Contracted: angespannt, verkrampft
R für Reactive: reaktiv, mitlaufend
A für Analysis Paralysis: Ohnmächtig, gelähmt vor lauter Analysieren und Nachdenken
S für Separated: Getrennt vom Geschehen
H für Hurting, Hitting, Hating: zynisch, sarkastisch und (passiv) aggressiv

Stress und Innere Verspannungen beeinflussen ganz direkt das Erleben in der Zusammenarbeit. Hetze und Zeitknappheit sind die besten Einladungen für einem Crash-State. Leider beobachte ich immer wieder, dass im alltäglichsten Alltag eines beliebigen Konzernlebens zwar eine gute innere Haltung vermutet wird. Doch viele Mitarbeitenden sind gleichzeitig im Crash-State. Widerstand, Konflikte, Zynismus, Resignation und Lustlosigkeit begleiten viele Meetings und die Wirksamkeit der Begegnungen bleibt weit unter ihren Potenzialen.

Die Inner States haben jeweils typische somatische Marker, wie z.B. Körperhaltung, Körpergefühl (Enge vs. Weite), Körperspannung, Augenbewegungen, Herzaktivität, Schwitzen und weitere vegetativen Reaktionen. Auch biochemisch sind verschiedene Aktivitäten beobachtbar, vor allem im Sympathikus und Parasympathikus und z.B. im limbischen System. Im bildgebenden Verfahren kann erkannt werden, welche Hirnregionen gerade aktiviert sind. Daraus kann ebenfalls geschlossen werden, ob und auf  wie viele Ressourcen der Mensch gerade zugreifen kann.

Während die Haltung etwas Stabileres ist, hat jeder Mensch also seine eigenen psychosomatisch und biochemisch nachvollziehbaren Coach- und Crash-States über den Tag verteilt. Im Projektleben und am Ende bei allen Entscheidungen und Begegnungen im Alltag entscheidet unter Umständen mehr der Inner State als die Haltung darüber, was aus dem Moment entsteht. Was fast bedrohlich klingt, kann auch Trost geben. Jeder Mensch mit noch so einer tollen Haltung landet immer wieder im Crash. Das gehört zum menschlichen Alltag.

Den Unterschied macht dann der Umgang mit dem Crash. Idealerweise erkenne und benenne ich ihn wie das Rumpelstilzchen im Raum. Das ist zuerst einmal innere Arbeit und niemand muss etwas davon mitbekommen. Doch nicht nur individuell, auch kollektiv kann ein bewusster Umgang mit dem Inner State hilfreich sein.

Unternehmen sollten Rahmenbedingungen schaffen, die den Mitarbeitenden die Möglichkeit geben an ihren „Inner States“ zu arbeiten. Jeder Mensch ist nur so wirksam wie sein aktueller Inner State.

Mit den Inner States arbeiten

Mit kleinen Ritualen im Arbeitsleben können wir Menschen dabei unterstützen, ihre Inner States zu erkennen, zu benennen und gegebenenfalls zu verändern.

Zuerst hilft eine Aufklärung über die Inner States und die Möglichkeit mit ihnen zu arbeiten. Hinterlegt werden die Erläuterungen mit Beispielen für psychosomatische und biochemische Vorgänge, die jeweils typisch und messbar für den Crash oder den Coach State sind. So werden sogar die kritischsten Skeptiker neugierig auf die Arbeit mit den Inner States gemacht.

Zu Anfang sind „Circles“ in festen Gruppen hilfreich. Eine kleine Peergroup von 4-5 Teilnehmenden trifft sich wöchentlich idealerweise 45-60 Minuten für angeleitete Übungen und Reflexionen in einem virtuellen Kreis. Hier können sie lernen und üben ihre Inner States zu erkennen, zu benennen und zu verändern. Die Umsetzung im Arbeitsalltag ist dabei entscheidend. Passende Übungen lassen sich in diversen Methodenkoffern finden: denen des achtsamkeitsbasierten Coachings, Embodiment, Gewaltfreie Kommunikation, Praktiken des Zuhörens.

Die Teilnehmenden können dazu ermächtigt werden, mit ihren eigenen Teams Regeln für Interventionen in Meetings aufzustellen. Auch Bilder können bestimmten Teams helfen. So ist es möglich, dass sich Mitarbeitende einen „Rumpelstilzchen-Pokal“ verleihen, wenn wieder unangesprochene dysfunktionale Dynamiken das Meeting beeinflussen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Mit dieser Basis kann die Arbeit auch ohne regelmäßige Termine fortgesetzt werden. Regelmäßige Check-ins/ Dailies mit der Möglichkeit innezuhalten, Buddy-Konzepte innerhalb und zwischen Unternehmen, selbstorganisierte Peergroups und nicht zuletzt eine selbst erarbeitete Praxis für den einzelnen können die Qualität der Kommunikation, Begegnungen und Beziehungen am Arbeitsplatz maßgeblich positiv beeinflussen.

Fazit

Mit minimalem Zeitaufwand und den passenden Rahmenbedingungen können Rumpelstilzchen in Meetings beim Namen genannt werden. Scheinbar plötzlich kontrollieren nicht mehr Zynismus oder Ungeduld die Meetings, sondern die Intention einen positiven Beitrag zu leisten.

Die Qualität und Wirksamkeit von Arbeit ist wesentlich von den „Inner States“ der Mitarbeitenden abhängig. Sie kann gut und mitten im Arbeitsalltag gelernt und praktiziert werden. Neben unterstützenden „Circles“ zum reflektieren und üben, unterstützen kleine Rituale mitten im Arbeitsalltag die Arbeit mit den Inner States.

Credits gehen an Christine Wank für Ihre wesentlichen Impulse zu diesem Artikel im ersten Modul des Generative Facilitation Certification Programs in Berlin 2020.

THX!

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