Social Prototyping – Wie wir die Zukunftsmöglichkeiten ins Tun übersetzen. Reflexion meiner Lernreisenetappe mit Martin Kalungu-Banda vom Presencing Institute.

Facilitate from an emerging future.

Ich lausche dem Potenzial und komme ins Tun. Im Rahmen meiner Lernreisenetappe am Generative Facilitation Institute ging es vier Tage um das Arbeiten mit einer entstehenden Zukunft. Neben Christine Wank war dieses Mal Martin Kalungu-Banda vom Presencing Institute dabei. Der Schwerpunkt war Presencing, eine Zusammensetzung aus Präsenz und Sensing/ Spüren sowie Social Prototyping.
Mit großer Dankbarkeit verarbeite ich hier diese intensiven Tage. Die professionelle Verbindung von innerer Arbeit mit der Begleitung von sozialen Prozessen hatte ich mir in dieser Qualität nicht zu wünschen gewagt.

Martin Kalungu-Banda

Für mich war es schon unglaublich inspirierend, Martin alleine nur zuzuhören. Er ist ein begnadeter Storyteller mit einem unfassbaren Schatz an Erfahrungen als Organisationsentwickler in Gesellschaft und Wirtschaft. Vor 20 Jahren lernte er Otto Scharmer und den damals noch gar nicht veröffentlichten U-Prozess im Rahmen eines Projektes bei Oxfam zur Eindämmung der Ausbreitung von AIDS in Afrika kennen. Diese und die Erfahrungen vieler weiterer Innovations- und Transformationsprojekte für Kunden von Airbus bis zu den United Nations konnten durch alle Prozesse mitschwingen, durch die er uns in diesen Tagen begleitete. Martin machte mir mit seinen Projektbeispielen vor allem Mut.

Das Erdenken, Forecasting und Erfinden von Zukunft als logische Fortschreibung der Vergangenheit ist eine andere Art der Arbeit, die an anderen Stellen sicher auch noch Sinn macht. Wenn es darum geht Prozesse effizienter zu machen, ein laufendes Geschäft zu vergrößern oder Kosten zu sparen, dann reichen diese Methoden. Wenn es jedoch darum geht andere Paradigmen zu schaffen, die persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen angehen, dann kann der U-Prozess mit Presencing und Social Prototyping helfen. Die Bereitschaft zum Hinterfragen von etablierten Systemen, Denkweisen und Paradigmen ist Teil dieser Arbeit. Es geht um die Arbeit AM System, seltener um Veränderung IM System.

Presencing Institute

Wir lernen einen Zugang zum echten Potenzial zu finden und die innere und äußere Verfassung dafür vorzubereiten. Aus diesem „Empfangsmodus“ heraus können wir dann erkennen, wo wir tatsächlich heute stehen. Und dann können wir aus der Zukunft zurück denken und Schritte ableiten.

In unseren gemeinsamen Tagen erkundeten wir die Zukunft und das vom Potenzial inspirierte Tun, Ausprobieren und Experimentieren. Wir fanden so einen Zugang zu einer alternativen Art der Wissensgenerierung und Innovation. Im Folgenden schildere ich einige Ausschnitte unserer gemeinsamen Lernerfahrungen.

Jump logic!

In unserer Lernrunde gehen wir davon aus, dass unser Verstand eine wichtige und notwendige, aber nicht hinreichende Kapazität für Innovation bietet. Wenn wir uns Krisen nur mit rationalem Denken und Logik annähern, begrenzen wir uns wesentlich. Ein „open mind“ kann eine erhellende Erfahrung werden. Martin schilderte uns Situationen aus seinem Leben, in denen er Dinge mit einer Überzeugung tat, die zu diesem Zeitpunkt nicht logisch begründbar waren. Wir alle bestätigten ähnliche Erfahrungen. Martin sprach von einer „anderen“ Wissensquelle. Dabei deutete er auf sein Herz. Vor dem Hintergrund der Projekterfahrungen und Levels, auf denen Martin unterwegs ist, konnten sich sogar auch meine skeptischen Anteile davon berühren lassen.

Martin schilderte uns, dass Zukunftspotenzial nicht irgendwo da draußen ist, sondern im Hier und Heute existiert. Wir kreieren es nicht, wir erfinden es nicht. Wir finden einfach einen Zugang zu ihm durch eine innere Öffnung. Oder anders: Etwas findet uns, was uns braucht, das durch uns – den einzelnen oder die Gruppe – in die Realität gebracht werden möchte.

It‘s accessing, not inventing,

In der Gruppe stellten wir fest, dass wir solche Erlebnisse kennen, aber im Alltag eher als Zufälle abwinken. Doch wir können durch konkrete innere und äußere Vorbereitung mit diesen Momenten der Inspiration ganz aktiv/ kreativ arbeiten. Wesentlich ist dabei die Verbindung: mit mir selbst, mit der Gruppe, mit der Intention und dem Zukunftspotenzial.

Wer bin ich? Was ist mein Auftrag?

Unseren ersten vollen gemeinsamen Tag eröffnete Martin mit einem Video über Nelson Mandela und den Rugby World Cup 1995 in Südafrika. Mandela war offensichtlich ein Mensch mit großer innerer Klarheit. Er wusste wer er war und hatte eine kristallklare Intention. Das Video war von Martin sorgfältig ausgesucht.

Er lud uns ein, uns diese Fragen selbst zu stellen. „Who am I? What is my Work? Who am I to become? What is my Self?“ Mit seiner Art zu sprechen, in seinem Zambian English, mit vielen Pausen, baute er eine ehrwürdige Stimmung auf. In Mandela und seiner politischen Arbeit sahen wir, welchen Effekt diese innere Klärung haben kann. Nun ging es um uns.

Das Zukunftspotenzial berühren

Die folgende Stunde führte Martin uns durch eine Journaling-Sequenz. Er stellte uns Fragen zur Reflexion. Wir waren eingeladen die Antworten nicht übers Nachdenken zu finden, sondern in Kontakt mit unserem Körper durch die Hand und den Stift einfach und impulsiv zu schreiben. Pro Frage ca. 1,5 Minuten Antwortzeit. Er brachte uns so in Kontakt mit unserem Zukunfts-Selbst in seiner schönsten Version. Durch die Fragen betrachteten wir uns selbst aus verschiedenen räumlichen und zeitlichen Perspektiven, wir machten uns unsere Kraftquellen klar. Wir reflektierten, was wir loslassen wollen. Wir traten in zwei Zukunftsfelder ein und kamen mit unserer Intention in Kontakt. Wir schrieben erste Prototypen-Ideen auf und Personen, die uns bei der Umsetzung helfen könnten.

Nach dieser Sequenz machten wir uns auf einen Solo Walk, um das Geschriebene wirken und weiter arbeiten zu lassen. Nach 45 Minuten telefonierten wir uns in Paaren zusammen und reflektierten das Erlebte zuerst zu zweit. In unserer Gruppe teilten wir anschließend unsere Erkenntnisse. Die Stimmung war ganz andächtig. Das Online-Format erlaubte mir und anderen an unseren Lieblingsplätzen in der Natur zu sein. Auch wenn jeder seine eigenen Erlebnisse verarbeitete meinte ich ein paar Essenzen zu erfassen:

  • eine tiefe und demütige Verbindung und Verantwortung für die Natur und die Welt,
  • die Fülle und Ganzheit von allem, was uns umgibt – wenn wir sie nur wahrnehmen können,
  • die Achtung der Lebenskraft, der wir zu Diensten stehen möchten.

Was das konkret für jede*n einzelne*n von uns bedeutete, konnten wir dann im Folgenden erkunden. In Kontakt mit unserem Zukunftspotenzial und mit tief verinnerlichten Einsichten waren wir nun eingeladen, unsere Intention als unsere ganz eigene Lebenskraft zu identifizieren und zu benennen. Und diese dann im Tun zu erkunden.

Generative Intention Circles

In einer weiteren – von Christine entwickelten – Übung trafen wir zu viert zusammen. In vier Runden sollte jeweils einer von uns die eigene Intention formulieren. Die drei Zuhörenden hörten aus speziellen Perspektiven zu: als unterstützende*r Geburtshelfer*in, als Größte Hoffnung oder aus der Perspektive relevanter Stakeholder und als Poet*in. Die Erfahrung war für mich in allen vier Rollen sensationell. Als Erzählerin meiner Intention wurde ich mit drei Rückmeldungen beschenkt, die weit vom Standard entfernt waren. Die Rollen wurden jeweils so kreativ besetzt. Der Geburtshelfer unterstütze mich in der Formulierung dessen, was ich in die Welt bringen möchte. Die Größte Hoffnung sprach aus der Perspektive des entfalteten Potenzials. Die Rolle der Poetin sollte bildlich ausgelegt werden. So sprach mal ein Stift, der geführt werden wollte, mal eine uralte weise Schildkröte oder eine alte Eiche. Wir waren alle erstaunt, wieviel Kreativität durch dieses Spiel möglich wurde. In den drei Feedback-Rollen erlebte ich die Vielfalt der Perspektiven, die ich selbst im Stande einzunehmen war. So verschafften wir uns Zugang zu den unterschiedlichsten Einsichten. Auch hier erlebte ich wieder das Gefühl des „Anzapfens“ jederzeit verfügbarer und oft zu sehr untergehender Wissensquellen.

Von der Intention zum Prototypen

Nach dem Ernten der Einsichten ging es weiter mit dem Prototyping. Zuerst notierten wir die Prototypen-Ideen aus unserem Journaling Prozess und den Übungen danach. Nach einigen Kriterien sollten wir uns dann für einen Prototypen entscheiden: Kann die Idee schnell, einfach und mit minimalen oder wenig Kosten getestet werden? Wenn wir etwas aus der Idee lernen konnten, können wir das dann wiederholen, erweitern und ausbauen? Verändert die Idee etwas? Welche Bedürfnisse von Schlüsselpersonen werden adressiert? In einer Prototypen-Canvas konkretisierten wir für unseren Prototypen verschiedene Inhalte. Danach trafen wir uns wieder in Vierer-Gruppen, in denen jeweils jeder einmal fünf Minuten von seinem Prototypen erzählen konnte. In einer vorher bestimmten Art Feedback zu geben erhielt jeder Erzähler von drei Peers Rückmeldungen in Form von Wertschätzung, Fragen und Empfehlungen.

Ich erkannte im Social Prototyping ein eigenes Mindset. Der Prozess selbst ist entscheidend. Statt zu fragen, ob der Prototyp so brauchbar ist, stellen wir die Frage: „Was haben wir gelernt?“ Das ist schon mal ein entscheidender Unterschied zum Großteil meiner Erfahrungen in der Schule oder der Wirtschaft. Die allgegenwärtige Leistungsorientierung steht Lernen und Innovation oft im Weg. Ich musste mir wieder an die eigene Nase fassen. Was würde sich alles ändern, wenn ich nicht mehr nur das vorzeige, was sicher und fertig ist. Wenn ich stattdessen mehr das zeige, was ich (aus)probiere und wo ich eben noch nicht sicher bin, ob es (so) funktioniert. Welchen Unterschied macht es, mitten im Prozess beim Ausprobieren und Experimentieren Unterstützung einzuladen, immer mehr weitere Perspektiven und Ideen einbinden zu dürfen? Und welchen Unterschied würde dieses Mindset für Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft machen? Ich präsentierte in zwei Iterationen meinen Prototypen und die vielen Rückmeldungen waren für mich sehr fruchtbar und wertvoll.

Facilitators are constantly tending the soil, even if they don‘t know the seeds.

Von Martin schaue ich mir im Facilitation viele Dinge ab. Vor allem seine konsequente Entschleunigung bewirkte in mir das Gefühl, dass jeder Moment der Facilitation besonders kostbar ist. Das Spielen mit dem Zeitgefühl und das Herbeiholen der höchsten zukünftigen Möglichkeiten ins Jetzt und Hier machen den Einzel- und den Gruppenprozess intensiv und wirksam. Auch der mutige Umgang mit dem Prozess als solchen – ohne wirklich zu wissen, was am Ende dabei heraus kommt – zeigte mir Martin besonders eindrücklich.

Trust the process!

Die Arbeit ist ein radikales Willkommen-heißen von dem, was durchscheint – auf einer zutiefst menschlichen Ebene. So darf das Neue in die Welt kommen. Christine unterstützte uns im letzten Tag dabei, das Gelernte in unsere eigene Facilitation-Praxis umzusetzen.

Fazit

Ich darf wieder auf vier intensive Tage zurück blicken. Auch wenn ich bereits Presencing und Social Prototyping kannte und anwendete, bekam ich jetzt noch mal ein tieferes Verständnis auf der Erfahrungsebene. Ich bin dankbar ein paar Tage „on the shoulders of the giants“ mitgereist zu sein und halte diese Erfahrung in Ehren. Das Lernen und Arbeiten mit Kopf, Herz und Hand macht etwas mit mir als ganzen Menschen: als Frau, als Mutter, als Coach, als Facilitator.

Ich freue mich darauf, mit dieser Art der Arbeit noch zu vielen Innovationen in sozialen Systemen beizutragen und bin dankbar für die Stärkung und Unterstützung in meinem Cohort am Generative Facilitation Institute.

1 Gedanken zu “Social Prototyping – Wie wir die Zukunftsmöglichkeiten ins Tun übersetzen. Reflexion meiner Lernreisenetappe mit Martin Kalungu-Banda vom Presencing Institute.

  1. Michaela

    Liebe Tanja,

    herzlichen Dank für die Möglichkeit an solch intensive und berührende Einblicken teilhaben und mich einfühlen zu können. Beim Lesen fühlte ich mich stellenweise als ob ich „mitgereist“ bin.
    Freue mich darauf Dich mit all diesem Embodiment der Erkenntnisse zu erleben. Danke, danke, danke!

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