Die inneren Suchmaschinen optimieren

Alle Alexas, Googles und Siris unseres digitalisierten Lebens können uns eine bestimmte Art von wesentlichen und richtungsführenden Fragen garantiert nicht beantworten: Alles, was mich als Individuum oder uns als Gemeinschaft antreibt, ist für die Technik unsichtbar. Unsere wirklichen Bedürfnisse und Werte sind jedoch so wesentlich, dass deren Nicht-Betrachten verheerende Folgen hat. Seelischer Stress und Über-Optimierung auf individueller Ebene sowie kulturelle Konflikte und aneinander-vorbei-reden auf kollektiver Ebene machen uns als einzelne, als Gemeinschaft und Welt handlungsunfähig und krank. Deswegen ist es so wichtig, dass wir wissen und erfahren können, wer wir sind, was uns antreibt, was für uns als Individuum, Gemeinschaft und Welt dran ist.

Vier Quadranten: auf keinen verzichten

Unser Leben wird stets von einer äußeren und einer inneren Dimension geprägt. Die äußere Dimension kann aus einer kollektiven („sie“) und aus einer individuellen Perspektive („es“) betrachtet werden.

Kollektiv äußerliche Dimension

Kollektiv äußerlich („sie“) sehen wir bspw. die festgelegten Gesetze und Regeln, nach denen wir in einem Land oder in einer Organisation leben und arbeiten. Hier ist alles zu beobachten, was mit Zahlen, Daten und Fakten hinter- oder widerlegt werden kann. Erfolgreich ist das Leben aus der Perspektive dieses Quadranten dann, wenn Prozesse, Organisationen im großen und kleinen Sinne funktionieren. Digitale Werkzeuge helfen uns hier vor allem bei der Automatisierung von Prozessen, die der Mensch an die Maschinen und Sensoren abgeben kann, z.B. in der Produkion, im Finanz- oder Sicherheitsbereich.

Die äußere Dimension wird aktuell im Rahmen der Digitalisierung grundlegend umorganisiert. Das beobachten wir zurzeit. Organisationen strukturieren sich so um, dass die Automatisierung noch besser, schneller und fehlerfreier funktionieren kann. Das, was für den Menschen übrig bleibt, wird angepasst an neue äußerlich festgelegte Prinzipien der Zusammenarbeit: Stichworte dazu sind flache Hierarchien, Dezentralisierung, Ortsunabhängigkeit, etc.

Individuell äußerliche Dimension

Auf individueller Ebene („es“) sind wir äußerlich dann erfolgreich, wenn wir gut funktionieren. D.h. unser Körper ist visuell gesund, unser Verhalten ist angemessen und integrativ, wir haben einen großen Wirkungsgrad. Wir funktionieren gut in dem, was anfassbar und materiell ist. Digitale Werkzeuge, wie das Smartphone und die Smartwatch, helfen uns bei der Selbst-Optimierung und dem Zeitmanagement. Auch die Automatisierung von Prozessen hilft bei der Selbstoptimierung auf individueller Ebene, z.B. beim einparken, im Smart Home, der Hüft-OP, Anzahl der Schritte pro Tag, verzehrte Kalorien, etc.

Dieses äußerlich Sichtbare, Messbare gerät potenziell aus den Fugen, wenn dabei das innerlich Unsichtbare, weniger gut Messbare übergangen wird.

Die innere Dimension

Die innere Dimension spielt wie bei allen Veränderungen auch im Zeitalter der Digitalisierung eine große Rolle. Möglicherweise so groß wie noch nie, denn die bisher eher versteckte und oft übergangene Dimension ist bei vielen Menschen aufs Radar gekommen. Der Leidensdruck ist mittlerweile groß genug. Tools der Selbst- und Prozessoptimierung überschießen ihr Ziel. Oft verschwimmt die Klarheit darüber, wer wem dienen soll: die Technik dem Menschen – oder doch der Mensch der Technik? Ohne die Weiterentwicklung der inneren Dimension kann die äußere Dimension nicht nachhaltig und stabil wachsen.

Kollektiv innere Dimension

Auf kollektiver Ebene steht der digitalen Transformation unserer gesellschaftlichen Prozesse eine kollektive innere Dimension gegenüber („wir“). Haben wir wesentliche Fragen nicht beantwortet, verlaufen wir uns zwischen den unendlichen Möglichkeiten des digitalen Lebens: Was ist uns wichtig, wo wollen wir als Gesellschaft hin? Wie stehen wir miteinander in Beziehung? Welche Kultur bildet sich durch uns und mit uns? Was braucht unser Planet von uns?

Individuell innere Dimension

Auf individueller Ebene („ich“) geht es um unser Selbst in der Digitalisierung. Hier befinde ich mich mit meinen oft überhörten und überspielten Bedürfnissen nach Liebe, Bindung und Sicherheit einerseits sowie nach Autonomie und Selbstwirksamkeit andererseits. Bin ich mir nicht klar über mich selbst, meine Bedürfnisse, meine Werte, meinen Weg, verlaufe ich mich als einzelner und werde schnell zum Spielball der vielen Impulse der äußeren Dimension. Um gestärkt und gefestigt zu sein und den vielen für mich am Ende irrelevanten Reizen der Außenwelt widerstehen zu können, sollte ich mich mit meiner inneren Dimension aktiv beschäftigen.

Am Ende geht es also immer um die gleiche Story unserer großen Entwicklung als Menschheit – nur um unterschiedliche Perspektiven. Das Schaubild habe ich an das AQAL-Modell von Ken Wilber angelehnt.

Zugang zur inneren Dimension

Unser beschleunigtes digitales Leben stützt sich auf eine Dimension, die parallel präsent ist und kraftvoll wirkt. Diese innere Dimension bildet den Gegenpol zur Informationsflut und technischen Komplexität der (Außen-)Welt, mit der wir tagtäglich konfrontiert sind.

Die Unmengen an neuen Einzel- und Gruppenangeboten rund um Achtsamkeit/ Mindfulness, Meditation und Resilienz versorgen uns Menschen und Organisationen mit Wegen, Tipps und Tricks rund um unsere individuelle und kollektive Weiterentwicklung in der inneren Dimension.

Wer heutzutage als Individuum und als Gemeinschaft nicht selbst weiß, wer sie/ er ist und was ihr/ ihm wichtig ist, der bekommt das typischerweise widersprüchlich und kompliziert von außen gesagt. Dabei ist die Gefahr gegeben, dass wir uns verlieren und verzetteln. Selbst(er)kenntnis ist heutzutage wichtiger denn je.

Leider gibt es keine Suchmaschine, die uns in der inneren Dimension mit einem Klick Klarheit bringt. Dank der digitalen Möglichkeiten ist das in der Außenwelt mathematisch und technisch anspruchsvoll, aber vergleichsweise einfach. Mit der Innenwelt sieht es anders aus. Hier kann nichts digitalisiert und automatisiert werden. Durch unsere unterschiedlichen Startpunkte abhängig von unserer Kindheit, unseren Prägungen und Überzeugungen ist jeder Weg einzigartig und absolut nicht an andere Menschen oder Maschinen abtretbar. Jeder sollte sich bestimmte Fragen immer wieder beantworten und regelmäßig aktualisieren, denn die Antworten entwickeln sich weiter wie der Mensch. Die Antworten dienen uns dabei uns in der äußeren Dimension zurecht zu finden, uns zu entwickeln – als Individuum und als Gemeinschaft.

Individuell stützende Fragen:

  • Wer bin ich?
  • Was ist mein Sinn des Lebens?
  • Was treibt mich an?
  • Wo werde ich gebraucht?
  • Warum bin ich da?

Kollektiv stützende Fragen:

  • Wer sind wir?
  • Wofür sind wir da?
  • Was treibt uns an?
  • Wo und wie werden wir gebraucht?
  • Warum sind wir da?

Heute, im Jahr 2019, führt ein Bewusstseinswandel die Menschen auf sich selbst zurück. Ich erlebe aktuell viele Menschen, die ihre bisherigen Antworten auf den Prüfstand stellen. Neue Antworten sollen der Zeit angemessener sein und besser zu unserem „Gefühl“ passen.

Jede Dimension braucht ihren Raum und ihre Zeit. Bleiben wir in der äußeren Dimension mit ihrem messbaren Optimierungsdruck hängen, verkümmert die innere Dimension und zieht die Außenwelt ins Chaos. Jeder Mensch im oder am Burn-out weiß, wie das passieren kann.

Wir können noch viel lernen, wenn es darum geht uns durch unsere individuellen und kollektiven Innenwelten zu navigieren. Wir können unsere Gefühle, Gedanken, Impulse und Verhaltensweisen verändern, indem wir ihnen sowohl in der Stille alleine als auch formuliert in der Gemeinschaft mehr Raum geben. Dann können wir einen positiven und gesunden Einfluss auf sie nehmen. Dann können wir uns motivieren, uns weiter entwickeln und für das einstehen, was uns wirklich wirklich wichtig ist. Dann entsteht das Neue – individuell und kollektiv. Glücklicherweise richten sich Individuen als auch Gruppen/ Teams/ Organisationen diesen inneren Prozessen zunehmend mehr Raum ein. Wir sind hier jedoch noch weit unter dem Potenzial.

Fazit: der inneren Dimension mehr Raum geben

Die Außenwelt mit ihren Alexas, Googles, Siris, Ingenieuren, Informatikern und Data Scientists ist wichtig. Daneben ermutige ich mehr Fragen nach innen zu richten. Optimieren Sie Ihre inneren Suchmaschinen. Geben Sie sich selbst Raum und Zeit für die Innere Arbeit. Auch im Team/ in der Familie/ in der Organisation macht ein regelmäßiges Reflektieren auf der Meta-Ebene den Unterschied. Testen Sie es: nutzen Sie bspw, den Check-In am Anfang und den Check-Out am Ende eines Meetings, um bewusst die kollektive innere Dimension aufzugreifen und zu integrieren. Teilen Sie, wie es Ihnen in Bezug auf dieses Meeting geht, wo Sie sind und was Sie erreichen möchten.

Alleine diese kurze Einladungen der inneren Dimension wird die Qualität ihrer individuellen und kollektiven Ergebnisse verändern.

Ich freue mich über Kommentare und Kontaktaufnahmen!

PS: Save the date: Ab 16.09.2019 gibt es einen Audio-Kurs von mir auf Insight Timer: „Wer treibt mich da? Mit Inneren Anteilen arbeiten“.

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